Masernpartys: Die trügerische Suche nach „natürlicher“ Immunität
Die Szenerie wirkt auf den ersten Blick vertraut und entspannt: Kinder spielen im Wohnzimmer, teilen Spielzeug und Verpflegung, während die Eltern bei einer Tasse Kaffee im Gespräch sind. Doch der Anlass dieser Zusammenkunft unterscheidet sich grundlegend von einem gewöhnlichen Kindergeburtstag. Es handelt sich um eine sogenannte „Masernparty“ – ein gezieltes Treffen, bei dem Eltern ihre noch ungeschützten Kinder in engen Kontakt mit einem akut an Masern erkrankten Kind bringen, in der Hoffnung, dadurch eine „natürliche“ Durchseuchung und lebenslange Immunität zu erreichen.
Obwohl die moderne Medizin seit vielen Jahrzehnten hochwirksame, sichere und hervorragend verträgliche Impfstoffe bereitstellt, hält sich das Phänomen gezielter Ansteckungstreffen in Teilen der Bevölkerung hartnäckig. Hinter dieser Entscheidung stehen selten böse Absichten. Vielmehr entspringt sie häufig einer ausgeprägten Naturromantik, Skepsis gegenüber behördlichen oder pharmazeutischen Institutionen sowie weltanschaulich geprägten Gesundheitskonzepten.
Gemäß den Richtlinien für YMYL-Inhalte (Your Money or Your Life) erfordert diese Thematik eine besonders sachliche, empathische und wissenschaftlich fundierte Aufklärung. Eltern, die solche Treffen in Erwägung ziehen, handeln in aller Regel aus dem tief empfundenen Wunsch heraus, das Beste für die Gesundheit ihres Kindes zu tun. Sie möchten ihr Kind vor vermeintlichen Impfschäden bewahren und vertrauen auf die "Selbstheilungskräfte der Natur". Weil fehlerhafte Risikowahrnehmungen und Fehlinformationen diesen Wunsch jedoch in das Gegenteil verkehrten, bedarf es eines respektvollen Dialogs auf Augenhöhe – ohne Häme, Vorwürfe oder Zynismus.
1. Ursprung und Historie: Vom historischen Notbehelf zur modernen Fehlentscheidung
Um zu verstehen, warum das Konzept der vorsätzlichen Ansteckung überhaupt existiert, lohnt ein Blick in die Medizingeschichte. In der Ära vor der Einführung der Masernimpfung (in Deutschland ab 1973 schrittweise von der STIKO empfohlen) gehörten Masern zu den unvermeidbaren Kinderkrankheiten. Praktisch jedes Kind infizierte sich im Laufe seiner ersten Lebensjahre mit dem Masernvirus (Morbillivirus).
In dieser Zeit folgten Ansteckungstreffen einer pragmatischen Risikominimierung:
- Altersspezifische Steuerung: Da eine Infektion mangels Impfstoff unausweichlich war, versuchten Eltern, den Ansteckungszeitpunkt in das mittlere Kindesalter (ca. 3. bis 8. Lebensjahr) zu legen. Masernverläufe bei Säuglingen unter einem Jahr sowie bei Jugendlichen und Erwachsenen wiesen historisch eine deutlich höhere Rate schwerer Komplikationen auf.
- Familienlogistik: Eltern steuerten die Infektion so, dass sie in Phasen fiel, in denen keine Schwangeren oder Neugeborenen im Haushalt lebten und ausreichende Pflegekapazitäten vorhanden waren.
Mit der Entwicklung und weltweiten Einführung des Kombinationsimpfstoffs (MMR: Masern, Mumps, Röteln) wandelte sich der medizinische Charakter dieser Treffen jedoch grundlegend:
[ VOR-IMPF-ÄRA (Vor 1973) ] [ MODERNE ÄRA (Heute) ]
Pragmatische Notfall-Steuerung Ideologische Umdeutung
"Infektion ist ohnehin "Natürliche Infektion sei
unvermeidbar – wählen wertvoller als eine Impfung"
wir den günstigsten Zeitpunkt." (Naturromantik & Skepsis)
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[ NOTWENDIGER NOTBEHELF ] [ GEFÄHRLICHES FEHLRISIKO ]
(Keine Schutzalternative vorhanden) (Verzicht auf sichere Schutzimpfung)
Die Metapher des Deichbaus: Vor der Erfindung moderner Schutzdeiche leiteten Küstenbewohner drohende Sturmfluten kontrolliert in bestimmte Wiesen um, um Schlimmeres zu verhindern (pragmatische Ansteckung). Wer heute trotz eines stabilen, fertiggestellten Deiches (Schutzimpfung) die eigene Haustür öffnet und die Flut ins Wohnzimmer strömen lässt, nutzt keinen Notbehelf mehr – sondern setzt das eigene Heim unkalkulierbarer Zerstörung aus.
[ DAS KONZEPT DER HOCHWASSER-SCHUTZBAUTEN ]
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[ MODERNER SCHUTZDEICH ] [ PROVISORISCHER FLUTPOLDER ]
(Die MMR-Schutzimpfung) (Die Masernparty)
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| • Trockener, verlässlicher Schutz| | • Kontrollverlust beim Fluten |
| • Schützt das gesamte Dorf | | • Zerstörung & Wasserschaden |
| • Dauerhafte Stabilität | | • Unberechenbares Folgerisiko |
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Sichere Gesundheit Hohes Risiko für Überflutung
ohne Organ- & Gewebsschaden (Schwere Krankheitsverläufe)
Rechtliche und ethische Einordnung
Veranstaltung und Teilnahme an gezielten Ansteckungstreffen sind rechtlich und ethisch hochbrisant:
- Strafrecht: Die vorsätzliche Aussetzung eines Kindes gegenüber einer infektiösen, potenziell lebensgefährlichen Erkrankung erfüllt rechtlich den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung (§§ 223, 224 StGB).
- Infektionsschutzgesetz (IfSG): Mit dem 2020 in Kraft getretenen Masernschutzgesetz (§ 20 Abs. 8 IfSG) gilt in Deutschland eine Nachweispflicht für die Masernschutzimpfung vor dem Eintritt in Kindertagesstätten, Schulen oder sonstige Gemeinschaftseinrichtungen.
- UN-Kinderrechtskonvention: Artikel 24 garantiert Kindern das Recht auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit sowie auf den Zugang zu präventiver medizinischer Versorgung.
2. Weltanschauliche Wurzeln im Faktencheck
Die Befürwortung von Masernpartys beruht im Wesentlichen auf drei weit verbreiteten Denkfehlern und wissenschaftlichen Missverständnissen:
A. Der Naturalistische Fehlschluss („Appeal to Nature“)
Beim naturalistischen Fehlschluss wird davon ausgegangen, dass alles „Natürliche“ von Natur aus gut, harmonisch und gesundheitsfördernd sei, während künstlich hergestellte Substanzen (wie Impfstoffe) als schädlich wahrgenommen werden.
- Wissenschaftliche Realität: Krankheitserreger sind biologische Organismen, die durch Evolution darauf optimiert sind, Wirte zu befallen und sich auf deren Kosten zu vermehren. Natur bedeutet in der Biologie nicht "Harmonie", sondern oft Überlebenskampf. Das Masernvirus ist eine hochaggressive systemische Infektion, kein sanfter Impuls zur Reifung des Organismus.
B. Das Konzept des „reinigenden Feuers“ in der Anthroposophischen Medizin
In traditionellen Konzepten der Anthroposophischen Medizin (geprägt durch Rudolf Steiner) wird eine Kinderkrankheit wie Masern metaphysisch oft als notwendig erachteter Entwicklungsschritt verstanden. Das hochansteigende Fieber gilt als „reinigendes Feuer“, das dem Kind helfe, fremde väterliche oder mütterliche Erbanlagen abzustreifen und die eigene Persönlichkeit zu entfalten (Ernst, 2010).
- Wissenschaftliche Realität: Medizinisch-biologisch betrachtet ist Fieber eine physiologische Immunantwort (Abgabe von Pyrogenen wie Interleukin-1 und TNF-alpha), um die Enzymaktivität des Virus zu hemmen. Fieber hat keine metaphysische „Reinigungsfunktion“. Entwicklungsfortschritte, die Eltern nach einer überstandenen Infektion beobachten, lassen sich auf das normale Alterswachstum sowie die intensive elterliche Zuwendung während der Pflegephase zurückführen.
C. Die Fehlanalogie des Immunsystems als „Muskel“
Oft wird behauptet, das Immunsystem eines Kindes müsse durch „echte“, schwere Krankheiten gefordert werden wie ein Muskel, der nur durch maximales Gewicht stärker werde.
- Die Metapher des Sparringspartners:
- Die Wildinfektion gleicht einem unvorbereiteten Straßenkampf gegen einen bewaffneten, hochgefährlichen Gegner. Das Risiko schwerer Verletzungen oder irreversibler Schäden ist extrem hoch.
- Die Schutzimpfung entspricht einem hochpräzisen Sparringstraining im geschützten Trainingsraum mit einem entschärften Trainingspartner. Das Immunsystem lernt das exakte Handwerkszeug zur Abwehr des Erregers, ohne dass Gewebe zerstört oder Leben riskiert wird.
[ IMMUNOLOGISCHES TRAINING ]
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[ DIE MMR-IMPFUNG ] [ DIE WILDINFEKTION ]
(Gezieltes Sparring im Studio) (Realer Straßenkampf)
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| • Abgeschwächtes Impfantigen | | • Aggressiver Erregerbefall |
| • Präzises Antikörper-Training | | • Risiko von Hirnschäden (SSPE) |
| • Kein Organ- & Gewebsrisiko | | • Zerstörung des Gedächtnisses |
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Dauerhafte Immunität Hohes Risiko für Komplikationen
ohne Gesundheitsrisiko und Folgeschäden
3. Pathophysiologie: Systemische Invasion statt lokaler Infekt
Entgegen der Verharmlosung als reine „Kinderkrankheit mit Hautausschlag“ handelt es sich bei den Masern um eine schwere, den gesamten Organismus betreffende Systemerkrankung. Das Masernvirus befällt gezielt Immun- und Gewebszellen im gesamten Körper.
[ INFEKTIONSWEG DES MASERNVIRUS ]
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[ Tröpfcheninfektion / Aerosol über Atemwege ]
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[ Befall primärer Immunzellen in der Lunge via CD150 (SLAM) ]
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[ Transport in regionale Lymphknoten & Lymphbahnen ]
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[ Virämische Ausbreitung: Befall von Milz, Thymus & Blut ]
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[ Befall von Epithelzellen ] [ Zerstörung von Memory- ]
via Nectin-4 Rezeptor B- und T-Gedächtniszellen
(Hautausschlag, Bronchien) (Immunamnesie)
Der molekulare Infektionsmechanismus:
- Zellinversion via CD150 (SLAM): Das Virus nutzt den Rezeptor CD150 (Signaling Lymphocytic Activation Molecule), der auf Gedächtnis-B-Zellen, T-Zellen und Makrophagen sitzt. Das Masernvirus missbraucht damit ausgerechnet die zentralen Steuerungseinheiten unseres Immunsystems als Eintrittspforte.
- Systemische Ausbreitung (Virämie): Über das Lymphsystem und die Blutbahn verteilt sich das Virus rasch in Milz, Thymus, Knochenmark und weiteren Organen.
- Gewebsaustritt via Nectin-4: Über den Rezeptor Nectin-4 befällt das Virus von der Basalseite her die Epithelzellen der Atemwege. Dies führt zu massiver Gewebsschädigung, Husten und der Ausschüttung von hochansteckenden Aerosolen.
Die klinische Phasengliederung:
- Prodromalstadium (Katarrhalisches Stadium): Dauer ca. 3–5 Tage. Gekennzeichnet durch hohes Fieber und die klassischen 4 Ks: Konjunktivitis (Bindehautentzündung), Katarrh (Schnupfen/Entzündung der Atemwege), starker Krampfartiger Husten sowie Koplik-Flecken (kalkspritzerartige Flecken an der Wangenschleimhaut).
- Exanthemstadium: Erneuter Fieberanstieg und Ausbreitung des charakteristischen großfleckigen, zusammenfließenden (konfluierenden) Hautausschlagss, beginnend hinter den Ohren und im Gesicht.
4. Immunamnesie: Die Löschung des immunologischen Gedächtnisses
Eines der bedeutendsten virologischen Ergebnisse der letzten Jahre ist die Entdeckung der Masern-induzierten Immunamnesie (Mina et al., Science 2015; Petrova et al., Science Immunology 2019). Masern stärken das Immunsystem nicht – im Gegenteil: Sie führen zu einer jahrelangen "Deprogrammierung" des Abwehrsystems.
Die Metapher der brennenden Bibliothek: Stellen Sie sich das immunologische Gedächtnis Ihres Kindes wie eine Bibliothek vor. Jedes Buch repräsentiert das gebildete Immungedächtnis gegen einen spezifischen Erreger, den das Kind in seinem bisherigen Leben besiegt hat (z. B. Windpocken, Keuchhusten, RSV-Viren, Pneumokokken). Das Masernvirus dringt in die Gedächtzellen ein und setzt diese Bibliothek in Brand. Nach einer überstandenen Maserninfektion ist der Masernschutz zwar vorhanden, doch die "Bücher" für zahlreiche andere Erreger sind verbrannt. Das Kind steht immunologisch teilweise wieder da wie ein Neugeborenes.
GESUNDES IMMUNSYSTEM ZUSTAND NACH MASERNINFEKTION
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| Gedächtnis-Bibliothek | | Gedächtnis-Bibliothek |
| • Band 1: Windpocken | Masern-Virus | • Band 1: VERBRANNT |
| • Band 2: RSV-Virus | ===========> | • Band 2: VERBRANNT |
| • Band 3: Pneumokokken | (Immunamnesie) | • Band 3: GELÖSCHT |
+--------------------------+ | • Antikörper-Repertoire |
| | um 20–70 % reduziert |
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Robuster Gesamtschutz |
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Erhöhtes Infektrisiko &
Sterblichkeit für 2–3 Jahre
Wissenschaftliche Fakten zur Immunamnesie:
- Zerstörung von Gedächtniszellen: Das Virus vernichtet 20 bis 70 % des gesamten bestehenden Antikörper-Repertoires sowie spezifische Memory-B- und T-Zellen.
- Erhöhte Sekundärsterblichkeit: Große epidemiologische Datenanalysen zeigen, dass Kinder in den 2 bis 3 Jahren nach einer Maserninfektion signifikant häufiger an anderen infektiösen Krankheiten (z. B. Bakterielle Lungenentzündungen, Darminfektionen) versterben.
- Impfschutz bewahrt Gedächtnis: Die MMR-Impfung schützt nicht nur vor Masern selbst, sondern schützt das bereits mühsam erworbene Immungedächtnis des Kindes vor der Zerstörung.
5. Komplikationen und die tödliche Spätfolge SSPE
Die bewusste Ansteckung auf einer Masernparty setzt Kinder dem Risiko schwerwiegender akuter und chronischer Komplikationen aus.
Akute und subakute Komplikationen:
- Mittelohrentzündung (Otitis media): Tritt bei ca. 7–9 % der Infizierten auf und birgt das Risiko bleibender Hörschäden.
- Lungenentzündung (Masernpneumonie): Tritt bei ca. 1–6 % der Erkrankten auf und stellt die häufigste Todesursache im Akutstadium dar.
- Postinfektiöse Enzephalitis: Eine akute Gehirnentzündung, die bei etwa 1 von 1.000 Erkrankten auftritt. Bei 10–20 % der Betroffenen verläuft sie tödlich, bei etwa einem Drittel hinterlässt sie bleibende Hirnschäden.
Tödliche Spätfolge: SSPE (Subakute sklerosierende Panenzephalitis)
SSPE ist eine schleichende, progressive und ausnahmslos tödlich verlaufende Entzündung des zentralen Nervensystems. Sie wird durch Masernviren verursacht, die während der Erstinfektion ins Gehirn gelangen, dort mutieren und jahrelang im Nervengewebe überdauern.
- Latenzzeit: Die Erkrankung bricht typischerweise 2 bis 10 Jahre nach der scheinbar abgeheilten Maserninfektion aus.
- Besonderes Risiko für Kleinkinder: Bei Säuglingen und Kleinkindern, die sich im ersten Lebensjahr anstecken, liegt das SSPE-Risiko erschreckend hoch: bei etwa 1 zu 600 bis 1 zu 3.000 (RKI, 2020).
- Prognose: Sobald Symptome auftreten, verläuft die Krankheit unaufhaltsam tödlich (100 % Letalität). Es gibt keine heilende Therapie.
- Schutz: Die Schutzimpfung löst selbst garantiert keine SSPE aus und verhindert die Ursprungsinfektion verlässlich.
[ DER ZEITVERLAUF EINER SSPE-ERKRANKUNG ]
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[ Akute Maserninfektion im Säuglingsalter (Jahr 0) ]
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[ Scheinbare Genesung (Virus persistiert mutiert im Gehirn) ]
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[ Latenzphase: 2 bis 10 Jahre völlige Beschwerdefreiheit ]
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[ PHASE 1: Verhaltensänderungen, Gedächtnisverlust, Wesensveränderung ]
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[ PHASE 2: Muskelzuckungen, Krampfanfälle, fortschreitender Demenzverfall ]
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[ PHASE 3: Koma, Erblindung, Ausfall aller Hirnfunktionen -> TOD (100 %) ]
6. Epidemiologie und Ethik der Herdenimmunität
Das Masernvirus gehört zu den ansteckendsten Erregern der Humanmedizin überhaupt. Die Basisreproduktionszahl ($R_0$) liegt bei 12 bis 18. Das bedeutet: Eine infizierte Person steckt in einer ungeimpften Bevölkerung im Durchschnitt 12 bis 18 weitere Menschen an. Infektiöse Tröpfchen und Aerosole verbleiben nach dem Verlassen eines Raumes bis zu zwei Stunden schwebfähig in der Luft.
[ DER REGENSCHIRM DER HERDENIMMUNITÄT ]
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| DURCHIMPFUNGSRATE ≥ 95 % (Zwei Impfdosen) |
| [Geimpft] [Geimpft] [Geimpft] [Geimpft] [Geimpft] |
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| (Schutzschirm lückenlos geschlossen)
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| Geschützte vulnerable Mitmenschen: |
| • Säuglinge (unter 9–12 Monaten) |
| • Immungeschwächte Kinder (z.B. Krebs/Leukämie) |
| • Schwangere ohne Immunschutz |
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Die Metapher des Gemeinschaftsschirms: Herdenimmunität erfordert eine stabile Durchimpfungsrate von mindestens 95 % (mit zwei Impfdosen). Dieser Schutzwall funktioniert wie ein großer Regenschirm für die gesamte Gesellschaft. Säuglinge unter 9 Monaten, Krebspatienten unter Chemotherapie oder Menschen mit angeborenen Immundefekten können selbst nicht geimpft werden. Wer sein Kind vorsätzlich ansteckt oder ungeimpft lässt, durchlöchert den gemeinsamen Schutzschirm und bringt die Schwächsten in Lebensgefahr.
7. Psychologische Dynamiken und YMYL-Kommunikation
Die Entscheidung von Eltern, Masernpartys in Betracht zu ziehen, entspringt verständlichen psychologischen Verhaltensmustern, die in der Risikowahrnehmung gut erforscht sind:
- Omissions-Bias (Handlungs-Inaktions-Effekt): Menschen bewerten Schäden, die durch eine aktive Handlung entstehen (z. B. seltene Nebenwirkungen einer Impfung), emotional als viel gravierender als Schäden, die durch passives Unterlassen entstehen (z. B. eine Ansteckung im Alltag).
- Illusion der Kontrolle: Ein organisiertes Treffen gibt Eltern das Gefühl, Ort, Zeitpunkt und Rahmen der Ansteckung selbst kontrollieren zu können, anstatt vom Erreger unvorbereitet überrascht zu werden.
- Soziale Bestätigung in Echokammern: In isolierten Gruppen wird die Verweigerung von Impfungen oft fälschlicherweise als Symbol für besonders sorgsame und vertiefte elterliche Verantwortung umgedeutet (Reich, 2016).
Handlungsempfehlung für eine empathische Beratung:
Um Eltern zu erreichen, hat sich ein dreistufiger, empathischer Dialog bewährt:
- Fürsorgemotiv validieren: Erkennen Sie den Wunsch der Eltern an, das Kind vor Schaden bewahren zu wollen („Ich verstehe vollkommen, wie wichtig Ihnen das Wohl Ihres Kindes ist“).
- Anschauliche Metaphern nutzen: Erklären Sie komplexe Mechanismen verständlich (z. B. die Metapher der brennenden Bibliothek für die Immunamnesie).
- Objektiver Risikovergleich: Stellen Sie die minimalen, gut dokumentierten Risiken einer Impfung den um ein Vielfaches höheren Risiken der Wildinfektion neutral gegenüber.
8. Faktencheck: Masern-Wildinfektion vs. MMR-Schutzimpfung
| Parameter / Risiko | Masern-Wildinfektion (Masernparty) | MMR-Schutzimpfung (2 Dosen) |
|---|---|---|
| Exposition | Unkontrolliertes Wildvirus | Abgeschwächtes Impfvirus |
| Schutzwirkung | Immunität (hohes Risiko) | > 97 % dauerhafter Schutz |
| Mittelohrentzündung | 70.000 bis 90.000 pro 1 Mio. | Kein erhöhtes Risiko |
| Lungenentzündung | 10.000 bis 60.000 pro 1 Mio. | Kein erhöhtes Risiko |
| Gehirnentzündung (Enzephalitis) | 1.000 pro 1 Mio. (1:1.000) | Extrem selten (< 1 pro 1 Mio.) |
| SSPE-Risiko (tödlich) | 100 bis 300 pro 1 Mio. (Säuglinge bis 1:600) | 0 % (Kein SSPE-Risiko) |
| Immunamnesie | JA (Löscht 20–70 % des Gedächtnisses) | NEIN (Schützt Gedächtnis) |
| Krankenhausaufenthalt | 150.000 bis 250.000 pro 1 Mio. | Extrem selten |
| Sterblichkeit (Westeuropa) | 1.000 bis 3.000 pro 1 Mio. | 0 Todesfälle nachgewiesen |
9. Fazit: Echte Fürsorge wählt wissenschaftliche Sicherheit
Gezielte Ansteckungstreffen („Masernpartys“) entbehren jeder wissenschaftlichen und medizinischen Grundlage. Die Vorstellung, eine durchgemachte Wildinfektion gestärkt aus der Krankheit hervorzugehen, ist durch die Erkenntnisse über die Immunamnesie eindeutig widerlegt.
Echte elterliche Fürsorge schützt Kinder vor unkalkulierbaren Gefahren. Die gut verträgliche MMR-Schutzimpfung bietet den zuverlässigsten Schutz für das eigene Kind und bewahrt gleichzeitig schutzbedürftige Mitmenschen in unserer Gemeinschaft.
